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„Kälber- und Jungviehaufzucht“ - Verluste vermeiden -Leistung steigern

29.12.2011

Zum Thema Kälberverluste vermeiden und Jungviehaufzucht optimieren veranstaltete die RSH eG gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer ein sehr gut besuchtes Tagesseminar.

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Bilder: Isa-Maria Kuhn, Landwirtschaftskammer

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In seiner Einleitung wies der Vorsitzende der RSH eG Herr Karl-Heinz Boyens darauf hin, dass Kälberverluste einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden für den Betriebsleiter bedeuten und mit  ca. 8 % bei allen Geburten aktuell in den Statistiken geführt werden. 

Geburtsmanagement

In einem viel beachteten, praxisnahen Vortrag erläuterte Frau Dr. Fischer-Tenhagen  von der Tierklinik für Fortpflanzung der Freien Universität Berlin die wichtigsten Punkte des Geburtsmanagements in Bezug auf Kälberverluste. 

Zur Vermeidung von Schwergeburten sind die Faktoren Fruchtbarkeitsmanagement, das Fütterungsmanagement in der Trockenstehphase, die Stressvermeidung sowie die Geburtshygiene und Geburtshilfe besonders zu beachten. Insbesondere der Faktor Geburtsstress wird oft vernachlässigt, da er gute Geburten verhindert.  Dabei sollte die geräumige Abkalbebucht in der Nähe der Vorbereitergruppe sein und Sichtkontakt zur Herde haben. Eine saubere, trockene Einstreu, gute Überwachungsmöglichkeiten und die Sicherheit, dass in diesem Bereich kein regulärer Kuhverkehr herrscht, sind Grundbedingung. Zum Abkalben sollte die Kuh  mindestens 24 Stunden vor der Geburt in die Abkalbebucht gebracht werden. Laut Frau Dr. Fischer-Tenhagen könnten 90 % der Kälber ohne Hilfe geboren werden. Geduld ist hier der beste Geburtshelfer. Wichtig dabei ist, dass man die drei Phasen der Geburt genau beachtet, um Fehler zu vermeiden.

Drei Phasen der Geburt 

Eröffnungsphase (6-16 Std)

Unruhe, Wehen, Blasensprung

Füße aus der Scheide

Aufweitungsstadium (bis 3 Std)

Bauchpresse, Presswehen

Stirn und Augen aus der Scheide

 

Austreibungsphase (5-15 Min)

Maximale Presswehen    

 

Eindeutig zu früh ist es, wenn man bereits eine Stunde nach Erscheinen der Füße eingreift. Eine Faustregel besagt: “2 Füße 2 Stunden“. Eine Geburtshilfe sollte eingeleitet werden, wenn kein Geburtsfortschritt für 30 Minuten bei regelmäßigen Wehen vorhanden ist, die Fruchtwasserfarbe verändert ist oder die Vitalität des Kalbes nachlässt.

Wenn man Geburtshilfe leistet, hat die Geburtshygiene oberste Priorität.  Hierbei gilt es folgende Punkte zu beachten:

  • die Kuh im Genitalbereich waschen bis der Schaum weiß bleibt
  • selbst bis zur Schulter waschen, ärmellose Kleidung tragen
  • Einmalhandschuhe und geeignetes Gleitgel bereithalten
  • Geburtshilfeinstrumente säubern, desinfizieren und sauber lagern
  • Zughilfe bei der Geburt sollte prinzipiell nur dann geschehen, wenn der Rücken des Kalbes oben liegt, beide Beine gestreckt sind und der Kopf (vorwärts) mitkommt.  Um Verletzungen zu vermeiden, ist die Zughilfe dosiert anzuwenden. 

Grundsätzlich gilt: Ruhe bewahren, hygienisch arbeiten, entsprechenden Platz schaffen und dafür sorgen, dass genügend Schleim (geeignetes Gleitgel) vorhanden ist. Es gibt gute, geeignete Hilfsmittel, um die Geburtswege zu erweitern und die gesamte Geburt zu erleichtern. Bei Komplikationen sollte der Tierarzt dazu gezogen werden.

 

Infektionsdiagnostik bei Kälbern und Jungringern

Herr Dr. Wonnemann vom Landeslabor Schleswig-Holstein erläutert anhand der Befunde des Landeslabors der letzten fünf Jahre einige Krankheitsbilder und Möglichkeiten der Vermeidung.

Eine zentrale Bedeutung kommt hier den viralen Magen- und Darm Infektionen zu. Dabei kommt den Rota- und Coronaviren eine besondere Bedeutung zu, da sie eine große Rolle bei der Entstehung von Kälberdiarrhoe  auch in Kombination mit anderen Erregern spielen.

E. coli kommt eine große Bedeutung zu, da Kühe potentielle Ausscheider pathogener Stämme sein können aber nicht erkranken. Bei Kälbern führt die Infektion zu wässrigen bis blutigen Durchfallerkrankungen. Im Krankheitsfall ist es wichtig, den entsprechenden Erregerstamm zu identifizieren. Vorbeugend ist Hygiene und Management unabdingbare Voraussetzung, um dieser Problematik vorzubeugen. 

Bei den parasitären Infektionen sind Kryptosporidien und Kokzidien zu nennen, die bei vielen jungen Kälbern Durchfallerkrankungen verursachen. Hier ist ebenfalls das Gesundheitsmanagement vorbeugend zur Behandlung von Parasiten zu optimieren,  um einem Befall vorzubeugen. 

Intensiv wurde die Paratuberkulose vorgestellt. Diese säurefesten Bakterien vermehren sich sehr langsam im Tier. Man schätzt laut Herrn Dr. Wonnemann, dass ca. 30 % der Betriebe Reagenten haben könnten. Die Schäden an den Tieren führen zu hohen wirtschaftlichen Verlusten und machen sich durch schlechte Futterverwertung und Leistung, Anfälligkeit für Mastitiden und wässrigen Durchfall bemerkbar. Kälber infizierter Kühe sind schlechter entwickelt. Als vorbeugende Maßnahme ist sicherzustellen, dass man die Aufzuchttiere vor der Infektion schützt. Man sollte also die Erreger aus der Herde entfernen. Tut man dies nicht, steigt die Anzahl der befallenen Tiere kontinuierlich in der Herde an. Leider sind die derzeitigen labordiagnostischen Nachweisverfahren noch sehr langwierig.

Herr Dr. Wonnemann erläuterte anschließend noch die Erreger, die zu Atemwegserkrankungen der Kälber führen.  Am häufigsten traten dabei BRSV-Viren, und M. haemolytica und P. multociadia als Erreger auf. BHV 1 hat an Bedeutung deutlich verloren.

 

ZWS Abkalbung - Wie wende ich Sie in der Praxis an?

Herr Dr. Täubert vom VIT Verden berichtete, wie man mit Zuchtwerten die Abkalbung und damit die Schwer- und Totgeburtenrate verbessern kann. Bei der Abkalbung werden die Merkmale des Kalbeverlaufes und der Totgeburten erfasst. Dabei treten die häufigeren Probleme bei der ersten Abkalbung auf. Dabei haben die Mutter und der Vater einen Effekt auf den Kalbeverlauf.

Grundlage für exakte, wahrheitsgetreue Zuchtwerte sind jedoch die Angaben zur Geburt durch den Landwirt. Zu viele Betriebe liefern hier derzeit noch unbrauchbare oder gar keine Daten, die die Zuchtwerte für diese beiden Merkmale negativ beeinflussen.  Er fasste seine Empfehlungen wie folgt zusammen:

  • Eine genaue Meldung des Geburtsverlaufes.
  • Die Meldung von Totgeburten.
  • Die vollständige Abstammung, um die Daten zuordnen zu können sind Voraussetzung, damit wir Zuchtwerte berechnen und nutzen können für:

A: den direkten Kalbeverlauf(RZK dir). Dieser ist besonders geeignet, um Färsenbullen zu selektieren.

B: den maternalen Kalbeverlauf (RZK mat).  Dieser ist wichtig, um langfristig die mütterlichen Kalbeeigenschaften in der Herde zu verbessern.

C: Auswahl der Bullen über RZG. Dieser ist geeignet, langfristig die Kalbeeigenschaften zu verbessern, da er die Abkalbemerkmale mit berücksichtigt und gleichzeitig alle anderen Merkmale der Zuchtwertschätzung in unterschiedlicher Gewichtung, je nach ökonomischer Bedeutung, beinhaltet.

 

Grundvoraussetzung für geringe Kälberverluste und optimale Jungviehaufzucht

In seinem Vortag ging Herr Dr. Kunz von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein intensiv auf die Fragen ein, wie man durch Gestaltung von Umwelt, Gebäuden, Haltung und Fütterung Verluste minimieren kann. Dabei spielt der Energiebedarf, der bei unterschiedlichen Umgebungstemperaturen auch steigt, eine wesentliche Rolle. 

Die Milchaustauscherqualität spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Kälber. Dabei wies Herr Kunz darauf hin, dass Magermilchaustauscher und Null Austauscher eher der Vergangenheit angehören. Für die Betriebe kann man folgendes empfehlen:

  • MAT-Tränkeplan für den Träneautomaten
  • Programmiervorschlag für den Tränkeautomaten

Das Ernährungsniveau der Kälber während der ersten Wochen hat starke Auswirkungen auf die spätere Leistungsfähigkeit der Tiere. So ist das Parenchyms der Euteranlage bei jungen Kälbern mit guter Versorgung deutlich höher, was sich später in besserer Leistungsfähigkeit niederschlägt. 

Eine ad Libitum-Fütterung in den ersten Lebenswochen mit Vollmilch hat sich als die optimale Tränke herausgestellt. Sowohl die Fälle der Erkrankungen und Abgänge als auch die Gewichtsentwicklung war hier annähernd optimal. Dabei ist zu beachten, dass das Kolostrum innerhalb von drei Stunden verabreicht wird, um die Antikörperbildung des Kalbes zu fördern. Hier sollte so viel wie möglich gegeben werden und die restliche Biestmilch angesäuert und dem Kalb bei der nächsten Tränke angeboten werden.

Hinsichtlich des Stallklimas sind hohe Ammoniakgehalte zu vermeiden. Hierzu gehören saubere desinfizierte Kälberiglus, grundsätzlich die alte Mistmatratze entfernen und auf einen guten Luftaustausch achten.

 

Jungviehaufzucht aus Sicht eines Praktikers

Herr Heesch von der Möllgaard/Heesch GbR stellte an Hand seines Milchkuhbetriebes mit 125 Kühen und weiblicher Nachzucht seine Jungviehaufzucht vor.

In seiner Einführung erläuterte er, dass am Anfang der Entscheidungen die Bullenauswahl steht. Bullen mit negativen Eigenschaften im Kalbeverlauf und unter 110 in wirtschaftlich wichtigen Merkmalen werden nicht eingesetzt. Er  nimmt gerne die Anpaarungsberatung der RSH in Anspruch, um die richtigen Bullen zu finden. 

Der Abkalbebereich in seinem Betrieb besteht aus zwei Boxen à zehn Tiere mit Stroheinstreu. Nach der Abkalbung erfolgt die erste Kolostrumgabe innerhalb zwei Stunden nach der Geburt. Er achtet genau auf Hygiene bei der Geburt, dass das neugeborene Kalb in ein sauberes Iglo mit frisch gereinigtem Nuckeleimer kommt und füttert 4 – 5 Tage Kolostrum. Danach werden die Kälber auf Milchaustauscher umgestellt und erhalten ab der zweiten Lebenswoche Kraftfutter zusätzlich.

Im Alter von drei Wochen kommen die Kälber in Gruppeniglos und werden zu der Tränke mit der TMR-Ration der Milchkühe und bis zu 1 kg Aufzuchtschrot mit Luzerne gefüttert. Dabei ist ihm eine optimale Wasserversorgung wichtig. 

Die täglichen Zunahmen in der Aufzuchtphase liegen zwischen 1200 g und 1400 g die eine optimale Entwicklung der Kälber und Jungtiere ermöglichen.

Die gesundheitlichen Probleme sind häufigere Nabelentzündungen und ab und zu Durchfälle und Pneumonien, die direkt behandelt werden. Dabei kann er berichten, dass im letzten Jahr kein lebend geborenes Kalb in der Aufzucht abgegangen ist.

Sein Ziel ist es, die Rinder in einem Alter von 15 Monaten mit einem Gewicht von ca. 350 kg zu besamen, um so eine junge optimal entwickelte Erstkalbskuh zu erhalten, die sehr leistungsstark ist. Diese Aufzucht ist nicht billig. Aber jedes aufgezogene Kalb ist eine gute Kuh geworden, was die Möllgaard/Heesch GbR mit einer langjährigen Durchschnittsleistung von über 10.000 kg nachhaltig unter Beweis gestellt hat.

Wer nähere Informationen zu den Vorträgen haben will, kann diese auf der Homepage der RSH eG nachlesen.

Das Vorstandsmitglied der Landwirtschaftskammer schloss eine aufschlussreiche Veranstaltung mit dem Dank an alle Referenten und die knapp 400 Besucher. M. Leisen

Geburtsmanagement - Referent: Dr. Carola Fischer-Tenhagen, Freie Universität Berlin

Infektionsdiagnostik bei Kälbern und Jungrindern in Schleswig-Holstein –  Auswertung von Untersuchungsergebnissen des Landeslabors der letzten fünf  Jahre. - Referent: Dr. Hubert Wonnemann, Landeslabor Schleswig-Holstein 

Züchterische Möglichkeiten zur Vermeidung von Kälberverlusten und Verbesserung der Kalbeeigenschaften – Wie wende ich die vorhandenen Zuchtwerte in der Praxis an? - Referent: Dr. Helge Täubert, Vereinigte Informationssysteme Tierzucht VIT, Verden

Grundvoraussetzungen für geringe Kälberverluste und optimale Jungviehaufzucht – Gestaltung von Umwelt, Gebäuden, Haltung und Fütterung - Referent: Dr. Hans-Jürgen Kunz, LWK Schleswig-Holstein (Futterkamp) 

Praktischer Teil – Wie manage ich den Bereich Abkalbung, Kälber- und Jungviehaufzucht in unserer Holsteinherde? - Referent: Hauke Heesch, Tinningstedt, Tierarzt und Betriebsleiter

 

By: Ruth Ulmer

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